Wanderungen

Abendwanderung auf den Schoberstein im Ennstal

Nach der Arbeit noch schnell einen Gipfel erklimmen. An diesem Abend bot mir der Schoberstein im oberösterreichischen Ennstal einen tollen Ausgleich.

Nach einer intensiven Arbeitswoche freute ich mich schon sehr auf das Wochenende. Ich wollte unbedingt einen Teil meiner freien Zeit in der Natur verbringen, um zum Einen den wundervollen Herbst zu genießen und zum Anderen ein paar gute Bilder zu machen. Samstag nein, Sonntag ja, das ist die kurze Zusammenfassung der Umsetzung dieses Vorhabens.

Samstag, kam so einiges dazwischen, das Wetter spielte verrückt, mein Magen spielte verrückt und mein Terminkalender hätte für einen sinnvollen Ausflug auch nicht genügend Zeit hergegeben. Ich lag daher auf der Couch herum, machte ein paar Kleinigkeiten im Haushalt und versuchte meine Magenverstimmung mit Schonkost und Tee wieder in den Griff zu bekommen. Gegen Abend wurde es langsam besser und ich hoffte, den Sonntag Nachmittag nutzen zu können. Warum der Nachmittag? Nun meine Frau hatte Vormittag Dienst und die Wandergutscheine bei meinen Kindern hatte ich schon aufgebraucht. Also, den Vormittag mit UNO-spielen, Buch lesen und Kochen verbracht. Draußen war es windig und im Haus gemütlich warm. Also durchaus ein Sonntag, wie er sein soll, wenn da bloß nicht meine Unruhe gewesen wäre noch ein bißchen Abenteuer ins Wochenende zu bringen. Tanja kam dann am frühen Nachtmittag nach Haus und ich war schon die ganze Zeit am Grübeln, wohin ich sinnvollerweise noch fahren könnte. Es reifte in mir die Idee den Schoberstein, einen 1285m hohen Gipfel im oberösterreichischen Ennstal zu besteigen und das am Besten so, dass ich zum Sonnenuntergang oben war. Ich war am Zweifeln, auf der einen Seite kenne ich den Berg und wusste, dass der Anstieg mehr war als ein kurzer Abendspaziergang, ich wusste aber auch, dass die Abendstimmung am Gipfel, wenn das Licht und die Sicht passt sensationell sein würden. Daher habe ich mich entschlossen, den inneren Schweinehund auf der Couch zu lassen und begann meine Ausrüstung zu packen. Ich nahm meinen Kamerarucksack, packte die Nikon D750 mit dem Sigma 24-105 f4 aus der Art-Serie ein, nahm dazu noch das Nikkor 85mm f1,8 und ein altes manuelles 20mm Weitwinkel mit, schnallte mein Reisestativ außen ran und warf noch ein bißchen Verpflegung und Getränke rein. Alles in Allem hatte der Rucksack damit an die 8kg, was sich beim Anstieg auf den Berg später bemerkbar machen sollte. Gewicht am Berg ist einfach ein Killer und ich verstehe jetzt warum erfolgreiche Landschaftsfotografen bei jedem Teil, das in Ihrem Rucksack landet anfangen die Gramms zu zählen. Die Summe macht es aus und wenn ich einfach 8 mal 500 Gramm spare, sind das 4kg. weniger, die ich auf den Berg schleppen muss. Aber ich schweife ab. Gegen 15:30 Uhr machte ich mich auf den Weg und fuhr nach Trattenbach im Ennstal.

Ich bin nicht sehr oft in diesem kleinen Dorf, dass zur Gemeinde Ternberg gehört, aber immer wenn ich dort bin habe ich das Gefühl nach Hause zu kommen. Das kommt nicht von Ungefähr, stammt doch meine Mutter aus diesem lieblichen Berg- und Taldorf. Ich überquerte also die Enns, passierte das Kraftwerk Ternberg hielt mich rechts und kam durch die Bahnunterführung dem Tal der Feitelmacher immer näher. Nach einem leichten Anstieg und einer ersten grandiosen Aussicht auf die Berge des Ennstales, die von der späten Nachmittagssonne angestrahlt wurden tauchte ich hinab in das Tal der Feitelmacher. Durch eine enge Stelle passierte ich den Museumsbereich, der die Geschichte der jahrhundertalten Tradition der Messererzeugung dem internationalen Publikum näher zu bringen versucht.
Unmittelbar danach begann die Straße anzusteigen und ich steuerte mein Auto hinauf in Richtung Parkplatz beim Klausriegler Wirt (und Bauern), zum Startpunkt meines Aufstieges.Schoberstein-Abendshooting-2188-1

Das Dorf Trattenbach zieht sich -von der Enns kommend- entlang schmaler Strassen von 340m Seehöhe bis hinauf zum Parkplatz Klausriegler, der auf rd. 650m über Adria liegt. Natürlich gibt es noch höher gelegene Bauernhöfe und Häuser, aber was meine Strecke betrifft, wars das mit den Höhenmetern im Auto. Am Parkplatz angekommen verhieß der Blick in Richtung Gipfel nichts Gutes. Er war wolkenverhangen und die Strasse durch den Ort herauf war teilweise nass – es hatte also vor nicht all zu langer Zeit geregnet. Macht nichts, ich war gut ausgerüstet und packte zusätzlich zu meiner bereits angezogenen Weste noch meine wasser- und winddichte Regenjacke ein. Diese brauchte nicht viel Platz und wie sich später herausstellte war es eine weise Entscheidung das zusätzliche Kleidungsstück mit auf den Berg zu nehmen.

Ich machte mich also auf den Weg. Es waren sicher 15 Jahre oder mehr vergangen, seit ich zuletzt auf diesen Berg gestiegen bin. Gewiss, wenn man von Kindesbeinen an einen Berg kennt, dann sind auch 15 Jahre nicht wirklich ein Problem, aber die ein oder andere Kehre beim Aufstieg kam mir dann doch so vor, wie wenn es sie früher nicht gegeben hätte. Auf jeden Fall hat es dieser Berg in sich und die Steilheit seines Aufstieges verlangten mit meinem Rucksack von gut 8kg doch ein gewisses Maß an Kondition, über welches ich zum gegebenen Zeitpunkt nur unzureichend verfügte. Macht nichts, nicht mal die rutschenden Steine, die den Aufstieg zusätzlich erschwerten, konnten mich von meinem Ziel abhalten und so erreichte ich nach einer guten Stunde den Gipfel.

Eigentlich waren es eine Stunde und 20 Minuten, aber ich traf unterwegs meinen Onkel, der diesen Berg als Trainingsberg benutzt. Mehrmals in der Woche, manchmal sogar mehrmals täglich besteigt er den Schoberstein. Er hat die Kondition, die ich brauchen würde – mal sehen was die Zukunft bringt. Auf jeden Fall habe ich mich über dieses zufällige Treffen sehr gefreut und der ca. 10-minütige Tratsch war eine willkommen Abwechslung. Ich aber wollte zum Sonnenuntergang am Gipfel sein. Ich verabschiedete mich von meinem Onkel und setzte meinen Weg Richtung fort.

Schritt um Schritt, keuchend und schwitzend näherte ich mich dem Gipfel und zwischen den herumziehenden Wolkenschwaden kam immer wieder der blaue Himmel zum Vorschein. Schließlich legte ich die letzten Meter durch einen kleinen Baumbewuchs zurück und erreichte den Gipfel (der eigentliche Gipfel liegt wenige Meter neben dem von mir erreichten – es ist mehr der Aussichtsgipfel).

Ich war alleine, sah das leuchtende Gipfelkreuz (das ja eigentlich keines ist, wie auf dem Bild ersichtlich) und dahinter den blau-orange leuchtenden Horizont. Wäre ich nicht bereits total außer Atem gewesen, spätestens jetzt wäre mir die Luft weggeblieben – es war einfach nur grandios. Der Wind ließ die Wolken über die Gipfel und Bäume wandern, die Sonne tauchte immer wieder die Felswände in rötliches warmes Licht und die Stille sorgte in meinem Inneren für eine Ruhe, nach der ich mich an diesem Wochenende so sehnte. Ich war allein. Allein auf dem Gipfel, allein mit den Wolken, allein mit der Sonne und allein mit dem Panorama. Ich genoß für einige Minuten diese Eindrücke versuchte die Schönheit in mich aufzusaugen und wurde erst von der Kühle in meinem Rücken aus meiner Verzauberung gerissen.Schoberstein-Abendshooting-2184-1

Kein Wunder, ich hatte geschwitzt wie 20 übergewichtige Eisbären in der Sahara und die durchnässten Shirts begannen nun sich abzukühlen. Zum Glück hatte ich wie immer Ersatz dabei.

Schließlich brachte ich meine Kamera in Stellung und versuchte die umherziehenden Wolken so gut als möglich für gute Bilder zu nützen. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit, da die Wolken immer dichter wurden und begannen den Berg einzuhüllen. Einige Wenige sind mir dennoch gelungen und ich freue mich auch darüber, da ich weiß wie hart diese verdient waren. Natürlich hätte ich mit etwas mehr Glück und besserem Wetter den Sonnenuntergang in seiner vollen Pracht erleben können. Genau so hätte ich aber auch von einer Wolke eingehüllt werden können und wäre dann ganz ohne Bilder nach Hause gekommen. So war ich zufrieden und mit diesem Gefühl machte ich mich auch auf den Weg zurück ins Tal.

Nun fiel der Nebel über mich herein und zu Beginn war es schwierig den Weg zu finden. Glücklicherweise konnte ich einige Meter tiefer unter der Wolke abtauchen und hatte wieder freie Sicht. Die hereinbrechende Finsternis ließ in mir allerdings ein mulmiges Gefühl aufkommen. Es war schon verdammt lange her, dass ich im Dunkeln einen Berg hinuntergestiegen bin und damals gab der Mond relativ viel Licht und der Weg war breit und frei von versteckten Fallen. Das war hier ganz anders. Als ich von der offen daliegenden Weide in den Wald trat wurde ich von Dunkelheit eingehüllt. Die Bäume legten ihren tiefschwarzen Schatten über den Weg, der vor mir lag. Ohne Lampe wäre dieser Pfad nicht zu gehen gewesen, aber selbst mit Licht musste man sich bei jedem Schritt konzentrieren, um nicht auf dem nassen Kalkstein auszurutschen. Eine Verletzung war nun wirklich das Letzte was ich brauchen konnte. Im Schein der Lampe, einen Fuss vor den anderen setzend, bewegte ich mich langsam den Berg hinunter.

Mitten im Wald blieb ich stehen und machte aus reiner Neugierde meine Lampe aus. Nichts – kein Laut, kein Licht, kein Weg. Nur der Wind begleitete mich – ich kam mir richtig klein vor. Eine Mischung aus Respekt und beruhigender Zufriedenheit überkam mich. Das Bewusstsein, dass man im Vergleich zur Gewalt der Natur ein kleines Rädchen ist hat für mich immer was Beruhigendes und Entspannendes. Es hilft mir die vermeintlich wichtigen Dinge wieder aus einer distanzierten Perspektive zu betrachten. Es zeigt mir wie unwichtig und unbedeutend unsere tagtäglichen „Wichtigkeiten“ doch sind. Ich machte das Licht wieder an, leuchtete auf den Boden vor mir und setzte meinen Weg fort. In diesem Moment war ich sehr froh, dass ich im Rucksack noch eine Ladung Ersatzbatterien hatte, denn eines wusste ich mit Gewissheit, ohne Lampe hätte ich keine Chance den Weg durch den Wald zurück zu finden. Aber genug der Dramatik, nach ca. 45 -minütigem Abstieg war ich wieder bei meinem Auto. Ich war froh wieder angekommen zu sein, warf einen Blick auf den schattig vor mir aufragenden Berg und teilte ihm in Gedanken noch mit, dass er mir beim nächsten mal mit der Aussicht ein bißchen mehr entgegenkommen könnte. Wer weiß wann ich das nächste mal auf diesen Berg steige. Wer weiß, wann ich wieder etwas Sehnsucht nach meinen Wurzeln bekomme, fünfzehn Jahre würde es aber sicher nicht mehr dauern.

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