Ausrüstung Fotografie

Immerdrauf – keine Wissenschaft, aber immer eine leidenschaftliche Diskussion wert

Soll man sich ein Immerdrauf Objektiv kaufen und wenn ja welches?

Die eigentliche Frage ist aber:
Was ist denn ein passendes Immerdrauf Objektiv.
In diesem Artikel möchte ich darauf einmal etwas näher eingehen.

Immer wieder taucht im Netz oder auch im realen Leben die Frage auf welches Immerdrauf man empfehlen kann. Wenn ich mit dieser Frage konfrontiert werden tu ich mir immer besonders schwer, denn ich muss dann immer antworten, das kommt darauf an was du machen willst. Aber klären wir zunächst mal die Frage was die meisten mit einem „Immerdrauf-Objektiv“ eigentlich meinen.

Als Immerdrauf wünschen sich viele ein Objektiv das einen möglichst großen Brennweitenbereich abdeckt (am besten von 10-600mm), hervorragende Abbildungsqualität besitzt und daneben noch möglichst lichtstark ist. Gerade Anfänger in der Fotografie möchten gerne irgendwie alles abdecken können und machen daher den ersten Fehler, den Anfänger immer machen. Sie haben keinen Mut zur Lücke. Oft ist es besser gewisse Bilder nicht machen zu können (die dann ohnehin nur Datenmüll sind), dafür aber die vorhandenen Möglichkeiten und Ressourcen für bessere und interessantere Bilder zu nutzen. Ich weiß das klingt hart, aber die meisten unserer Bilder sind keine Meisterwerke und die wenigen, die wirklich gut sind wurden gemacht, weil man sich dabei etwas gedacht hat und nicht weil man gerade sehr flexibel war. Dennoch denke ich, dass es Anwendungsfälle gibt wo die Flexibilität und die schnelle Reaktionsfähigkeit gegeben sein muss und möchte daher auf die beiden Flexibilitäten eingehen die mir in dieser Frage als wichtig erscheinen.

Brennweitenflexibilität und Lichtflexibilität

Dabei verstehe ich unter Brennweitenflexibilität das klassische Verständnis eines Universalobjektives und unter Lichtflexibilität eher mein Verständnis von vielfältiger Einsatzmöglichkeit eines Objektives. Im Folgenden möchte ich auf die Vor- und Nachteile von beiden eingehen, ihre Einsatzmöglichkeiten aufzeigen, entsprechende Objektive benennen und schließlich ein Resümee aus meiner Sicht ziehen und wie ich gegenwärtig damit umgehe.

Die Brennweitenflexibilität der Zoomobjektive

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Bei Wanderungen in der Nacht ist Obejktivwechsel oft mühsam. Hier wurde mit dem Sigma 24-105 f4 aus der Art Serie fotografiert

Keine Frage, es hat schon seinen Charme immer für möglichst viele Einsatzzwecke gerüstet zu sein, aber wie alles im Leben hat dies dann seinen Preis. Aus der Erfahrung kann ich aber sagen, dass ich sowohl mit Zoom Objektiven als auch mit Festbrennweiten für mich schöne Bilder gemacht habe. Was ich sicher sagen kann ist, dass ich mich kein einziges Mal im Nachhinhein darüber geärgert haben diese oder jene Brennweite nicht dabei gehabt zu haben. Aber egal, hier mal meine Vorteile und Nachteile hinsichtlich der Allrounder:

Vorteile

Flexibel bei der Wahl des Bildausschnittes
Weniger Objektivwechsel nötig – Sensorverschmutzung kann vermieden werden
Ermöglicht schnelle Reaktionsfähigkeit in dynamischen Situationen (z.B: Hochzeitsreportagen, manchmal Sportfotografie – da aber im stärkeren Telebereich)
Verfügen heute oft über einen starken Bildstabilisator
Für viele Hobbyfotografen genügt dann oft ein Objektiv

Nachteile

Meist wesentlich lichtschwächer als Festbrennweiten
Bei Top Qualität zahlt man seinen Preis mehrfach
Mit Geld – moderne halbwegs lichtstarke Objektive kosten oft ein vielfaches von Festbrennweiten
Gewicht – Brennweitenflexibilität mit Bildqualität bedeutet viel Glas, viel Technik und damit auch mehr Gewicht
Bildqualität kann im Normalfall nicht mit Festbrennweiten mithalten
Verbaute Technik erhöht auch die Störungsanfälligkeit und kann somit auch die Lebensdauer verkürzen
Fehlfokussierungen können öfter vorkommen als bei Festbrennweiten
bei großem Brennweitenbereich oft langsamer Autofokus

Von den Einsatzmöglichkeiten her gibt es klassische Bereiche für Immerdrauf Objektive. Da wäre die Hochzeitsreportage zu nennen, das Bedürfnis bei Ausflügen oder Urlauben nicht zuviel an Equipment mitschleppen zu müssen oder bei der Fotografie von Feiern und Veranstaltungen.

Natürlich lassen sich solche Zooms auch in der Landschaftsfotografie einsetzen, aber die guten Objektive wiegen dann mal sehr schnell mehr als 2 abbildungstechnisch bessere Festbrennweiten. Konzentriert man sich aber jetzt darauf, dass sich super Abbildungsqualität mit einem möglichst flexiblen Brennweitenbereich vereinen lassen, dann ist man bereits eingeschränkt bei der Auswahl seiner Kaufmöglichkeiten.

Eher abraten möchte ich daher von Zoombereichen, die 18-300mm und mehr umfassen, denn diese Objektive mögen zwar prinzipiell manchen Ansprüchen genügen, sind aber immer ein ganz starker Kompromiss. Auch hier gilt die Frage welche Ziele verfolge ich damit.

Brennweitenbereich die ich empfehlen kann sind:
24-70 mm
24-105 mm
24-120 mm
Mehr sollte es eigentlich nicht sein. Ich verlinke euch hier auch Objektive die ich selbst kenne und die auch wirklich gut sind. Natürlich gibt es dann noch im Weitwinkelbereich oder im Telebereich speziellere und sehr leistungsstarke Zooms, aber ich denke unter der klassischen Brennweitenflexibilität versteht man eben die oben genannten.

Die Lichtflexibilität der Festbrennweiten

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Veranstaltungen ohne Blitz fotografieren. Mit lichtstarken Festbrennweiten ist dies möglich.

Klingt im ersten Moment vielleicht etwas eigen, ich will euch aber erklären was ich damit meine. Wenn ich auf Reisen bin oder Ausflüge mache bin ich sehr oft damit konfrontiert mit schlechten Lichtverhältnissen zu tun zu haben (beispielsweise in Innenräumen von Kirchen). Dann bin ich immer sehr froh darüber, dass ich die eine oder andere Blendenstufe mehr aufmachen kann um noch mehr Licht auf meinen Sensor zu bringen. Auch wenn die heutigen Kameras mit höheren Iso Werten schon sehr gut umgehen können so ist der Unterschied zwischen einer Blende f 2.8 und einer Blende f1.4 noch immer zwei Blendenstufen. Das bedeutet, dass ich statt mit Iso 2000 mit Iso 500 fotografieren kann oder eben statt 1/20 Sekunde Belichtungszeit auf 1/80 Sekunde Belichtungszeit verkürzen kann. Das heißt, in diesem Moment bin ich was die Lichtverhältnisse betrifft wesentlich flexibler als mit lichtschwachen Objektiven – daher der Ausdruck Lichtflexibilität.

Vorteile

Oft wesentlich leichter und geringer in den Dimensionen (Ausnahme Sigma, die bauen teilweise wirkliche Oberarmtrainingsgeräte)
Schärfer bis in die Ränder
Billiger in der Anschaffung wenn man mit Objektiven vergleicht, die ansatzweise die selbe Bildqualität bieten können.
Lichtstärker (neben der Lichtflexibilität gibt das aber auch noch ganz andere Freistellmöglichkeiten)
Kreatvitätsfördernd – unsere Beine sind unser Zoom und man muss sich mehr mit dem Bildaufbau auseinandersetzen.

Nachteile:

Einschränkungen beim Bildausschnitt
Zu nah dran oder zu weit weg
Längere Reaktionszeiten bei sich ändernden Motiven
Objektivwechsel führt zu mehr Sensordreck

An Einsatzmöglichkeiten ist natürlich alles möglich, da es ja für jede Brennweite Objektive gibt. Speziell möchte ich aber hervorheben dass sich lichtstarke Festbrennweiten für Fotografie bei wenig Licht sehr gut eigenen, für Porträtfotografie auf Grund der schönen Freistellmöglichkeiten, für Astrofotografie wegen der besseren Performance hinsichtlich Belichtungsdauer wenn man keine Sternenzieher will usw. Also, auch hier ist jeder Einsatz möglich, allerdings nur wenn man bereit ist gelegentlich das Objektive zu wechseln oder eben mit einem zweiten Body loszuziehen.

Empfehlen würde ich hier je eine Brennweite im Weitwinkelbereich, eine im Normalbereich und ein Teleobjektiv für Hammer Porträts.

Beispielsweise seien hier genannt:
20mm, 50mm, 85mm, 135mm, 180mm.

Für Brennweiten darüber hinaus stellt sich dann die Frage ob nicht die 70-200mm oder 70-300mm bzw. dann die Zoomobjektive bis hinauf zu 600mm besser geeignet sind, da man im Supertelebereich mit ein paar Schritten vor oder zurück schnell an seine Grenzen stößt.

Mein Resümee und meine Empfehlungen:

Ich habe über die Jahre immer wieder verschiedene Zoomobjektive als Allrounder verwendet und war damit auch meist mehr oder weniger zufrieden – Spaß gemacht haben sie mir aber nie. Selbst das 24-105mm f4 aus der Sigma Art Serie habe ich wieder verkauft, da mir zwar die Abbildungsleistung sehr gefallen hat, dass Gewicht aber nicht. Als ich merkte, dass ich es immer mehr abstaube und immer weniger benutze habe ich mich davon getrennt. Wer dennoch ein preiswertes Immerdrauf sucht und das Gewicht in Kauf nimmt, dem kann ich es ruhigen Gewissens empfehlen. Ebenso konnte ich mal das Nikkor 24-120mm f4 testen und die Bildqualität ist auch hier sehr gut – preislich würde ich aber dann eher zum Sigma greifen. Das besten sind aber natürlich die 24-70mm Objektive mit f2.8 durchgehender Offenblende. Haben aber dann auch ihren Preis.

Was mich persönlich betrifft, so bin ich eigentlich nur mehr mit Festbrennweiten unterwegs. Einzig ein 70-300mm von Tamron nenne ich noch mein eigen. Dieses verwende ich aber auch sehr selten. Ich schätze es beispielsweise im Urlaub sehr wenn ich an meiner Nikon D750 nur mein 50mm f1.4D angeschnallt habe und damit meine Bilder mache. Natürlich habe ich dann auch schon damit gehadert, dass ich jetzt mehr Weitwinkel oder eben mehr Tele brauche, aber schlussendlich habe ich immer alternative Fotogestaltungen gefunden mit denen ich im Nachhinein meist sehr glücklich war.

Daher möchte ich zum Abschluss festhalten, dass mein Immerdrauf nicht existiert, dass ich aber meine Objektivauswahl bewusst vor Verlassen des Hauses treffe und einfach auch Mut zur Lücke habe. Gewicht und Bildqualität gehen bei mir vor und da nehme ich dann auch etwas Sensordreck in Kauf.

Ich hoffe ich konnte den ein oder die andere von euch mit meinem Beitrag etwas weiterhelfen und wünsche euch immer gutes Licht und viel Spaß bei der Fotografie.

Euer
Ralph

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