Motivation in der Fotografie - Seid kreativ

Motivation in der Fotografie

Durch Kreativität zu neuem Antrieb


Zur Motivation des Menschen gibt es viele Studien und ebenso viele verschiedene Theorien. Seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten beschäftigt sich der Mensch damit, was ihn antreibt, was ihn motiviert Handlungen zu setzen. Im weitesten Sinne könnte man sogar meinen, dass die Suche nach dem Sinn des Lebens auch eine Frage der Motivation ist. Während man physische Grundbedürfnisse einfach erfüllt haben muss um zu überleben, ist die Sinnfrage auf einer anderen Ebene anzusiedeln. Maslows Motivpyramide unterscheidet dabei in sogenannte Defizit- und Wachstumsmotive. Diese sehr hierarchische Beschreibung geht davon aus, dass die Wachstumsmotive nur dann erreicht werden können, wenn die Defizite abgedeckt sind. Für ein grundsätzliches Verständnis mag das reichen, aus meiner Sicht vereinfacht es aber das menschliche Wesen viel zu sehr. Ich kann mich hier mehr mit Theorien anfreunden, die den Menschen als Ganzes betrachten, die seine Bedürfnisse nicht hierarchisch einordnen, sondern als nebeneinander existent betrachten.


Erich Fromm (1900 – 1980)


Erich Fromm war ein in Deutschland geborener und nach der Machtübernahme durch die Nazis im Jahr 1933 über die Schweiz in die USA emigrierter Sozialpsychologe, Psychoanalytiker und Philosoph. Er vertrat die Theorie des normativen Humanismus, wonach der Mensch sowohl physische, als auch psychische Grundbedürfnisse hat. Diese Grundbedürfnisse werden nicht hierarchisch, sondern als gleichbedeutend vorhanden angenommen. Der Widerspruch zu Theorien, wie sie beispielsweise Maslow vertrat sind schnell ersichtlich - der mechanischen Sichtweise wird ein ganzheitliches Menschenbild gegenübergestellt. Zudem ging Fromm davon aus daß der Mensch sowohl über Vernunft, als auch über Vorstellungskraft verfügt. Während ersteres dabei hilft das Überleben zu sichern, sorgt letzteres dafür, dass wir uns Ziele setzen, dass wir neue Wege beschreiten und uns weiter entwickeln. Vernunft sorgt dafür, dass wir eine passive Rolle in der Welt einnehmen die uns Sicherheit verspricht. Es ist aber die schöpferische Kraft, die Neues entstehen lässt.


Kreativität als Schlüssel zu Motivation in der Fotografie


Um das zuvor skizzierte in praktische Überlegungen überführen zu können möchte ich folgendes Zitat von Erich Fromm voranstellen:


„Kreativität erfordert den Mut Gewissheiten loszulassen“


Gehen wir davon aus, dass es die Vernunft ist, die uns auf die Gewissheiten zurückgreifen lässt, dann ist es nicht weiter schwierig sich auszumalen, dass die Vorstellungskraft die Triebfeder für unsere Kreativität ist. Denken wir die Philosophie von Fromm nun weiter, dann brauchen wir für eine motivierende Erfahrung in der Fotografie beides. Wir müssen die Techniken, die seit vielen Jahrzehnten erprobt und empirisch geprüft wurden beherrschen, wir brauchen aber auch den Mut uns auf neue Wege einzulassen, Neues auszuprobieren.


Man könnte auch ableiten, dass die Normen, die kompositorischen Regeln, das beherrschen der Kameratechnik unseren physiologischen Grundbedürfnissen entsprechen, während unsere fotografische Weiterentwicklung davon abhängt wie sehr wir in der Lage sind unsere Vorstellungskraft zu aktivieren. Diese zweite, kreative Ebene zu erreichen erfordert aber nach Fromm Mut. Den Mut eingefahrene Routinen zu verlassen um neue Ideen auszuprobieren.


Erfahrungen aus dem fotografischen Lernprozess


Wenn wir mit der Fotografie beginnen, dann beschäftigen wir uns zunächst mit den Grundlagen. Natürlich werden wir im kindlichen oder jugendlichen Alter eher spielerisch an die Sache herangehen, aber irgendwann wird der Punkt erreicht, wo uns die Neugier dahin treibt zu verstehen, wie die Fotografie an sich funktioniert.


Wir beschäftigen uns mit Belichtungszeiten, Blendenwerten, Iso-Einstellungen, Brennweiten und natürlich immer auch mit der dahinter liegenden Technik. Das erste Ziel ist nicht selten einfach nur scharfe Bilder zu erzeugen.


In einem nächsten Schritt versuchen wir uns mit kompositorischen Regeln der Fotografie auseinanderzusetzen. Wir lernen mit der Schärfentiefe zu spielen und in der Landschaftsfotografie das richtige Licht zu erwischen.


Alleine das in den beiden oberen Absätzen aufgezählte reicht für Fotografierende am Anfang für mehrere Jahre an Motivation und Entdeckerfreude. Erst ab jenem Punkt, an dem man diese Grundregeln, diese Normen und Routinen im Schlaf beherrscht ist unsere Vorstellungskraft gefordert. Wir haben einen gewissen Level erreicht, unsere Bilder sind im Normalfall richtig belichtet und über das Thema Schärfe denken wir nicht einmal mehr nach. Ein Punkt, an dem wir nicht selten in ein Motivationstief fallen. Wir beginnen uns an unseren eigenen Bildern zu langweilen, es ist höchst an der Zeit kreative Wege zu beschreiten.


Neues ist also gefragt, aber wie erreichen?

In meiner kleinen Bibliothek an Büchern die sich mit Fotografie beschäftigen lässt sich sehr gut erkennen, wie ich mich in der Fotografie entwickelt habe. Den klassischen Büchern, welche die Grundlagen der Fotografie vermitteln, folgten jene, die sich auf einzelne Bereiche spezialisierten. Danach, oder auch parallel begann ich mich in Bildbänden bekannter und auch weniger bekannter Fotomenschen umzusehen. Ich begann zu verstehen, dass viele der sehr erfolgreichen Fotografien oft gar nicht den klassischen Kriterien richtiger Bildgestaltung entsprachen. Ich begann zu begreifen, dass zu einem einzigartigen Foto mehr gehört als nur totes Wissen über die Techniken der Fotografie.


An diesem Punkt möchte ich wieder auf das Zitat von Erich Fromm zurückkommen, da es nun galt den Übergang von der Fotografie der Gewissheit hin zur Fotografie der Vorstellungskraft zu beschreiten. Das ist kein Weg, den mal einmal geht um ans Ziel zu kommen. Vielmehr handelt es sich hier um jenen Bereich in der Fotografie, den man immer wieder neu und anders erkunden kann. Es geht darum, den Mut aufzubringen Neues zu wagen, um nicht für immer im Durchschnitt der Fotoregeln gefangen zu bleiben.


Dieser Prozess ist es, der für mich die Motivation an der Fotografie hochhält. Als ich Anfang September 2021 für 4 Tage auf die spanische Insel Mallorca reiste um dort zu fotografieren hatte ich lange mit mir gerungen, welches Equipment ich mitnehmen sollte. Ich fasst schließlich meinen ganzen Mut zusammen und entschied mich dafür mit lediglich einer Brennweite loszuziehen - meinem 35mm f1.8 für das Nikon Z System. An meiner Nikon Z6 erlebte ich mit dieser Linse in diesen wenigen Tagen eine Freiheit, welche meine Kreativität beflügelte. Nicht eine Sekunde hatte  ich während dieser Tage ein Problem mich zu motivieren. In der Rückschau sehe ich in den beschränkten Möglichkeiten den Hauptgrund für dieses Motivations-High. Ich musst nie darüber nachdenken, was ich brauchen könnte, ich ging einfach mit dem los, was ich hatte und fotografierte.


Kreativität mit mutigen Entscheidungen erreichen


Welche mutigen Entscheidungen können wir treffen, damit wir unsere Kreativität wecken oder sogar herausfordern. Ich will versuchen hier ein paar Beispiele zu skizzieren ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.


  • Reduktion - Vereinfachung:
    Wie bereits oben beschrieben, kann die Reduktion auf wenig Equipment schon dafür sorgen, dass wir in unseren Gedanken freier und experimentierfreudiger werden.

  • Regeln bewusst brechen:
    Der ISO Wert soll immer so niedrig wie möglich gehalten werden - es gibt sehr berühmte Aufnahmen, die vor Korn nur so strotzen;
    Jedes Bild muss knackscharf sein - auch das ist ein Gesetzt, das man brechen kann. Experimentiert mit Unschärfe - seht euch die Bilder von HC Bresson oder Robert Kappa an, die sind gerade im Reportagebereich oft auch unscharf.

  • Blickt über den Tellerrand:
    Bewegt euch nicht nur innerhalb der Fotografie, sondern auch in anderen Genres (bildende Kunst, Malerei, Architektur, Farbenlehre, usw.). Beschäftigt euch auch mit Philosophie oder Psychologie um einen anderen Blickwinkel auf die Welt und somit auch auf eure Fotografie zu bekommen.

  • Setzt euch mit anderen Kulturen auseinander:
    Wie wird in fernöstlichen Ländern fotografiert, Welche Form an Kunst entsteht in unterschiedlichen Gesellschaftsbildern - Diktaturen, Demokratien, Stammesgesellschaften, Entwicklungsländer, Schwellenländer, usw.

  • Beobachtet andere gesellschaftliche Schichten:
    Wir werden täglich mit den Bilder der oberen 10.000 überschwemmt. Wie aber sieht es in den ärmeren Teilen der Gesellschaft aus, wie wird Kunst auf der Straße gelebt, welche Form der Kreativität wird in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten ausgelebt?

  • Mehrere Lösungen anstreben:
    Gebt euch nicht mit dem ersten gelungenen Bild zufrieden - auch wenn es euch gefällt. Sucht nach anderen Möglichkeiten, das selbe Motiv abzubilden, spielt auch mit vermeintlich schlechten Ideen;

  • Zielorientierung:
    Setzt euch Ziele, die sowohl Einzelshootingbezogen sein können, aber auch langfristigen Charakter haben können;

Variante 1: Motiv aus Hüfthöhe fotografiert mit Story - Problematik Straße an der schönen Donau

Variante 2: Immer noch das selbe Motiv aber ganz anderer Blickwinkel


Natürlich würde es noch viel mehr an Techniken und Möglichkeiten geben seine eigene Kreativität zu fördern. Der wichtigste Punkt ist aber, sich zu trauen und es anzupacken. Dabei sollte man keine Angst vor dem Scheitern haben, sondern immer im Hinterkopf haben, dass wahrscheinlich ein herausragendes Bild im Jahr mehr Freude bereitet als hundert gute Bilder.


Resümee


Zum Thema Motivation wird schon lange geforscht und es gibt die unterschiedlichsten Ansätze. Für mich ist die freie Gestaltungsmöglichkeit, das kreative, schöpferische Schaffen und der Versuche neues zu generieren, die größte Befriedigung und ein wichtiger Motivator.


Natürlich werde ich auch weiterhin mit den gewohnten Gestaltungsregeln meine Bilder machen, sie haben schließlich ihre Berechtigung. Aber zwischendurch neues probieren oder fotografische Grundregeln in seinem eigenen Sinne zu interpretieren, dass ist es was mir langfristig Spaß macht.


Beim Schreiben dieser Zeilen sind mir aber auch wieder Themen untergekommen, mit denen ich mich früher wesentlich intensiver auseinandergesetzt habe und die in den letzten Jahren zu Gunsten gewisser Routinen in den Hintergrund getreten sind. Diese möchte ich wieder verstärkt in den Fokus meiner kreativen Entwicklung stellen, um die Motivation und die Begeisterung für die Fotografie weiter hoch zu halten.

Hier geht es zu einem Album, das entstanden ist während ich mich mit diesem Thema befasste.


Ralph Punkenhofer

11.07.2022



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